größtes Vertrauen zu den geistigen Kräften hat,
ganz gleich wie sich der Körper befindet.“
(Albert Talhoff, 1888-1956)
Während das Tierreich und die Naturbedingungen über Instinkte und rhythmische Regenerationsmechanismen verfügen, muss sich der Mensch im Gegensatz dazu mit den Fragen der Gesundheit und den Bedingungen seines Überlebens mit wachsendem Bewusstsein auseinandersetzen. Es genügt noch nicht, dass das einzelne Individuum, wie es sich in das Leben hineingestellt fühlt, eine Krankenkasse besitzt und der Arzt im Bedarfsfall bezahlt ist. Jeder muss sich vielfach mit sich selbst, seinen Mitmenschen, den Umweltbedingungen, den Ernährungsmöglichkeiten und vor allem mit den gewählten Beziehungen zum Leben auseinandersetzen. Ein Bewusstsein für gesunde Beziehungsverhältnisse und entwicklungsfreudige Bedingungen eröffnet eine Grundlage für ein zukunftsorientiertes Leben.
Die Selbsterziehung zur Gesundheit sollte die Grenzen eines egoistischen, kleinlichen und körperfixierten Bewusstsein im wachsenden Maße überschreiten und damit wird mit dem Begriff der Gesundheit eine größere allgemeingültige Bemühung verbunden. Würde das einzelne Individuum nur für sich selbst die beste Nahrung suchen und alle herausfordernden Anforderungen des Lebens meiden, in der Hoffnung dass damit ein möglichst unversehrter und unbelasteter Körperzustand erzielt wird, müsste das menschliche Bewusstsein die Entwicklungsbedingungen außerordentlich reduzieren und schließlich würde es nur psychische Störungen aufnehmen.
Die Gesundheitsfrage ist immer eine weitaus größere Angelegenheit, sie übersteigt die egoistischen Neigungen, sie wird zur Kulturfrage und sozialen Gegenseitigkeit und will sich in besonderem Maße in einer erbauenden werkschaffenden Tätigkeit ausdrücken.
Die Frage nach den Beziehungsverhältnissen erscheint für einen universalen Begriff der Gesundheit wichtiger als die materiellen Bedingungen. Das „Wie“ steht höher als das „Was“. Noch höher aber äußert sich die Entwicklung des geistigen Seins des Menschen, seine schöpferische Aktivität, denn diese bildet den Kern und das Zentrum jeder Zukunft. Aus diesem Grunde werden in den folgenden Beschreibungen über die Möglichkeiten von förderlichen Lebensbedingungen und Lebensqualitäten mehr die idealeren Beziehungsverhältnisse und schließlich die geistigen Entwicklungsfragen betrachtet.
Was würde es dem Menschen helfen, wenn er sich eng und ängstlich an die Materie binden muss und nur die besten Nahrungsstoffe zu sich nehmen kann, jedoch sein Beziehungsleben zu den verschiedensten Naturbedingungen nicht weiten kann und an den essentiellen Entwicklungsfragen nicht teilzunehmen vermag? Die Gesundheit ist immer mit der seelisch-geistigen Entwicklung und einem werdenden, reichhaltigen Empfindungsleben verbunden und erobert die einzelnen Fachgebiete der Materie. Die Erziehung des Menschen darf und muss in dieser großen Dimension seiner würdigen Möglichkeiten beginnen.
Die Bedeutung des Wortes Selbsterziehung führt, wenn es im ganzen Sinne der Möglichkeiten verstanden wird, über das kleinliche Ego hinaus, denn im höchsten Sinne offenbart das Selbst immer ein Größeres und ein Ganzes. Wer das Selbst erzieht, bedarf der Wahrnehmung der Meinungen und der Stellungen der Mitmenschen und der Ordnung des individuellen Lebens in Beziehung zu allen Verhältnissen des Daseins. Das Selbst ist eine individuelle geistige Substanz im Menschen und gleichzeitig eine universale Wirklichkeit.
Die Gesundheit ist ein Ergebnis von vielen verschiedenen ineinander wirkenden Beziehungsverhältnissen und Aktivitäten. Eine Forderung an die Gesundheit zu stellen ist nicht angemessen, denn sie wird gemäß der verschiedenen Beziehungsverhältnisse und der geistigen Entwicklung einmal in besseren Konditionen und ein anderes Mal in schlechteren bestehen. Es gibt kein absolutes Maß an Gesundheit.
Sowie die Prozesse des Lebens in ihren Beziehungsverhältnissen in ständigem Wechsel erscheinen, wird der Einzelne sich auch gesünder oder kränker fühlen. In der menschlichen Gesundheit wirken eigene Einflüsse immer in Zusammenhang mit kollektiven Wirkungen der Gesellschaft und erschaffen eine spezifische Kondition. Die Selbsterziehung zu Gesundheit übersteigt deshalb die eigenen Begrenzungen und sucht Ansätze produktiver Art, wie in einem größeren Gesamten vorzügliche gesunde Handlungen, Werke und Verhaltensmuster entstehen können.